"Ein Mensch ist erst vergessen,
wenn sein Name vergessen ist."
.....................................Gunter
Demnig
U.F. Gunter Demnig, Sie arbeiten mit den
verschiedensten Materialien und Sie haben sehr unterschiedliche Projekte
realisiert. Als Maler haben Sie begonnen, Designermöbel, Automaten und
Klangskulpturen waren Ihre nächsten Arbeiten, danach legten Sie Duftmarken
und Spuren und jetzt arbeiten Sie an dem Projekt STOLPERSTEINE.
Warum suchen Sie so unterschiedliche Ausdrucksmöglichkeiten? Als was für ein
Künstler würden Sie sich bezeichnen?
G.D. Zu allererst einmal bin ich sehr neugierig und dann interessiert
mich die Umsetzung von Ideen und Projekten, nicht so sehr eine bestimmte
künstlerische Technik. Deshalb wähle ich je nach Bedarf die Materialien aus:
Papier, Pappe, Holz, Metall, Keramik, Stein, Blut, Farbe, Faden oder Beton,
und wenn es gar nicht anders geht, verwende ich auch mal Kunststoff. Schon
an der Akademie interessierten mich vor allem Arbeiten, die nicht nur für
Galerien oder fürs Museum bestimmt sind, sondern die nach außen wirken, in
der Öffentlichkeit und direkt mit Menschen zu tun haben - das wäre dann
Aktionskunst.
Die Maschinen, mit denen ich die Spuren auf die Straßen gelegt habe, sind
gleichzeitig auch Mobile Skulpturen und die STOLPERSTEINE sind so etwas wie
ein dezentrales Monument. Die Klangtürme sind einerseits Skulpturen, aber
auch Musikinstrumente. Durch die unterschiedlichen Ideen und Materialien ist
der formale Aspekt einer künstlerischen Arbeit immer wieder eine neue
Herausforderung und diesem Prozeß der Umsetzung gehört mein Interesse. Die
meisten Arbeiten sind dreidimensional, also bin ich Bildhauer – ganz
einfach!

Ein Loch im Pflaster - die Verlegung wird
vorbereitet.
U.F. Die Wirkung Ihrer Arbeiten nach Außen traf nicht immer auf
Zustimmung – Ihr erstes ’öffentliches’ Bild z.B. hat Ihnen den Besuch der
Polizei und eine Festnahme eingebracht.
G.D. Ja, das war 1970 ich hatte die amerikanische Flagge auf das
Schaufenster meines Ateliers in Berlin-Kreuzberg gemalt – Totenköpfe
ersetzten die Sterne – das hat einigen Leuten nicht gefallen.
Auch das Spurenlegen war nicht immer so einfach. Da tauchte immer wieder die
Frage auf: Darf man das denn überhaupt? Darf ich einfach eine Spur mit Farbe
oder auch mit Blut auf die Straße legen, einen roten Faden von Kassel bis
Venedig abrollen, Bleirollen auf die Straßen Berlins legen oder jetzt
STOLPERSTEINE ins Trottoir verlegen? Für mich ist Grenzen ausloten, Grenzen
überschreiten, immer wieder ein zentraler Aspekt. Letztlich geht mehr, als
man anfangs denkt. Es ist machbar. Ich muß mich dabei zwar manchmal mehr mit
Bürokratie und Verwaltungsfragen auseinandersetzen als mit formalen und
künstlerischen Problemen - jedoch auch das gehört zur politischen und
gesellschaftlichen Dimension meiner Arbeiten.
U.F. Sie sprechen jetzt von den 80iger Jahren: Sie wurden als
’Spurenleger’ bekannt und haben dabei lange Wege zurückgelegt. Ich denke da
an die DUFTMARKEN Cassel-Paris, die BLUTSPUR Kassel-London, der
ARIADNE-FADEN; den KREIDEKREIS, FLASCHEN-POST, LANDSCHAFTSKONSERVEN, KASSEL
– 22. OKTOBER - ZEHNTAUSEND TOTE und das Projekt EINREISE Westberlin. –
Spuren, in unterschiedlichster Form, ziehen sich wie ein roter Faden durch
Ihre Arbeiten. Was verbinden diese Arbeiten und was bedeuten für Sie SPUREN?
G.D. Man muss da differenzieren - einige Arbeiten haben die Kunst und
die mögliche oder unmögliche Ausbildung zur Kunst zum Thema, andere
thematisieren politische Fragen oder wollen den Ewigkeitsanspruch der Kunst
ironisch hinterfragen.
Bei manchen Arbeiten bleibt nur die Erinnerung, die Spur selbst wird
weggewaschen; wie die Kreidefarbe oder das Blut, auch der dünne rote
ARIADNE-FADEN ist bald verweht. Dagegen sind die Kartuschen der
LANDSCHAFTSKONSERVEN gut vergraben und vielleicht werden sie nie gefunden,
bei den FLASCHENPOSTEN ist die Wahrscheinlichkeit des Auffindens schon
größer: Zwei davon wurden immerhin beantwortet. Diese beiden Projekte sind
so etwas wie Denkmale für die Ewigkeit.
Die Erinnerung wird natürlich mit den STOLPERSTEINEN das direkte Thema –
Spuren der Erinnerung. Nichts, was geschieht, ist folgenlos; ich spüre den
Dingen nach - möchte Spuren sichtbar machen, erhalten und damit an Dinge
oder Ereignisse, die in Vergessenheit geraten, wieder erinnern und direkt
sichtbar machen.

...ersten Stolperstein in Elmshorn für Reinhold
Jürgensen
U.F. Menschliche Schicksale, in Metall geschlagen, kann man auch als
Spuren bezeichnen: In die STOLPERSTEINE, 1o x 1o cm große, gegossene
Betonquader, ist eine Messingplatte mit Schrift eingelassen. Das ist nicht
Ihre erste Arbeit mit Schrift; Sie haben auch Schrift in Bleirollen
gestanzt, Schriftzeichen in Keramik gedrückt und Rollsiegel gegossen. Was
waren das für Arbeiten?
G.D. Begonnen hat das alles mit der Einladung zur Teilnahme an der
Friedensbiennale 1985 in Hamburg, die Robert Filliou initiiert hatte. Da kam
bei mir die Frage auf: Bei so vielen Kriegen, wurde da eigentlich auch mal
Frieden geschlossen?
Die Recherchen dazu waren gar nicht so einfach –
Friedensforschungs-Institute konnten mir nicht weiterhelfen. In Gesprächen
stellte sich heraus, daß es ein juristisches Problem ist und damit waren
Völkerrechtler zuständig. Ich habe ca. 12oo Friedens- und
Freundschaftsverträge von 226o v. Chr. bis zum 2osten Jahrhundert in eine
Rolle aus Dachdeckerblei geschlagen – etwas länger als 12 Meter. Die
Friedensrolle war unterwegs, ist schon in vielen Orten ausgestellt worden:
in Hamburg, München, Moskau, und Leningrad. Vom Deutschen Historischen
Museum Berlin wird sie ab 2003 als Leihgabe in einer Ausstellung mit dem
Titel ’Idee Europa. Entwürfe zum Ewigen Frieden’ präsentiert.
Mit der ähnlichen Thematik entstand kurz darauf die GESETZESROLLE mit den
ersten 19 Artikeln unseres Grundgesetzes, die ja einen sehr hohen Anspruch
ausdrücken, aber leider in ihrer Aussage immer weiter relativiert werden.
Auch dieser Text ist in Bleiblech geschlagen, allerdings verschlüsselt im
ASCI-Code, also für jedes Zeichen lediglich 8 Nullen und Einsen. Abstraktion
- als Mahnung und Erinnerung. Das Material Blei hat für mich eine
Faszination, durch seine immens hohe Halbwertzeit – also auch etwas für die
Ewigkeit gedacht oder besser, erhofft.
Aus jener Arbeit sind auch die GESETZESTAFELN hervorgegangen, die ganz
global die Menschenrechte einfordern. Der erste Artikel ist doch wirklich
sehr gut gemeint – nur kann jeder Staat ungestraft dagegen verstoßen. Ich
hatte den Text des Artikels 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte
in ca. 12o Übersetzungen vorliegen. Mit Hilfe der Uni in Köln konnte ich die
Texte in die Internationale Phonetische Lautschrift transkribieren und habe
sie mit speziellen Lettern in Tontafeln gedrückt. Beherrscht man die
Lautschrift, kann man die Texte immer wieder lesen, aber sie verstehen
nichts, sie erleben die perfekte Sprachverwir-rung, obwohl sinngemäß immer
dasselbe gemeint ist. Schrift als künstlerisches Ausdrucksmittel taucht auch
wieder bei der ROMA-SINTI-SPUR und den STOLPERSTEINEN auf.
U.F. Die Spur MAI 1940 – 1000 ROMA UND SINTI entstand im Mai 1990 zum
50. Jahrestag der Deportation. Während der praktischen Ausführung entstand
auch die Idee für die STOLPERSTEINE. Wie kam es dazu?

Morthorststraße 14 - der erste Stein ist
verlegt.
G.D. Die Spur zur Erinnerung an die Deportation der Roma und Sinti
aus Köln ist in Zusammenarbeit mit dem Rom e.V. entstanden. Kurt Holl wusste
von meinen Spuren-Arbeiten und sprach mich an. Wir haben dann gemeinsam eine
sogenannte Kreidespur durch Köln gezogen, die den Weg der Deportation
nachzeichnete. Dazu muss man wissen, dass die Deportationen 194o so etwas
wie die Generalprobe für die späteren Judentransporte waren. Der ganze
technische Ablauf wurde geprobt, mit der Auflösung der Wohnungen und dem
Abtransport durch die Deutsche Reichsbahn. Später sollte ja möglichst alles
perfekt und reibungslos ablaufen und in gewisser Weise auch ganz ’normal’
wirken.
Die Kreidespur, mit der besten Fassadenfarbe gezogen, war natürlich trotzdem
irgendwann weggewaschen. Deshalb überlegten wir, wie die Spur wenigstens an
einigen Stellen symbolisch konserviert werden könnte. So ist der
Messingschriftzug, der jetzt an 21 Stellen im Kölner Stadtgebiet verlegt
ist, entstanden.
Die Idee für die STOLPERSTEINE wurde beim Verlegen des Metallschriftzuges
geboren. Es war in der Südstadt, am Großen Griechenmarkt, als eine
Zeitzeugin mich ansprach: “Ist ja ganz schön, was Sie hier machen, aber in
unserem Viertel haben doch nie Zigeuner gewohnt.” Sie können sich
vorstellen, die Worte verwirrten mich. Aber ganz offensichtlich hatte die
Frau es wirklich nicht gewußt. Langsam begriff ich: Die Menschen in dem
Viertel lebten ganz normal, nachbarschaftlich zusammen. Zigeuner waren wie
alle anderen gemeinschaftlich eingebunden, mit den jüdischen Mitbürgern muss
es ähnlich gewesen sein. Es interessierte nicht, ob jemand vielleicht fremd
oder anders aussah, etwas anderes glaubte oder einer anderen Volksgruppe
angehörte. Und trotzdem wurden diese Menschen später deportiert, ohne
nennenswerten Widerstand ihrer Nachbarn. Auschwitz war der Ziel- und
Endpunkt, aber in den Wohnungen und Häusern begann das Unfassbare, das
Grauen.
U.F. Sie erwähnten die Deutsche Reichsbahn. Sie realisierten eine
Arbeit, die die Rolle der Reichsbahn bei den Deportationen zum Thema hatte.
Was war das für eine Arbeit und wie sind Sie eigentlich auf dieses Thema
gekommen?
G.D. Es gibt mehrere Arbeiten, die sich mit den Transporten in die
Lager befassen – alle mit Modelleisenbahnen. Die Idee dazu kam mir nach dem
Verlegen der ROMA UND SINTI Spur in Köln – sie endete ja an der Deutzer
Messe, dem Außenlager von Buchenwald. Mir drängte sich die Frage auf: Wie
ging das alles von hier aus weiter? Die Thematik ging mir nicht mehr aus dem
Kopf und nach einigen Recherchen stieß ich auf das Buch “Mit der Reichsbahn
in den Tod” von Heiner Lichtenstein. In der Publikation erfuhr ich die
ersten erschütternden Fakten, dass diese Transporte von der Bahn perfekt
organisiert und bis ins kleinste Detail durchgeplant waren, auch
hinsichtlich des zu machenden Gewinns. Stellen Sie sich vor, die Menschen
mussten ihre Fahrt sogar selbst bezahlen.
Als die Vernichtungsmaschinerie in Auschwitz auf Hochtouren lief, beklagte
sich die SS, dass die Öfen nicht ausgelastet seien und die Züge jeweils nur
1ooo Menschen transportieren konnten. Ingenieure bei Borsig entwickelten
daraufhin eine Lok, die Züge mit 2ooo Menschen ziehen konnte – Prototypen
dafür sind bei einem Bombenangriff in Berlin zerstört worden – aber es gab
noch ein Modell davon. Die Lok der “Baureihe 53” habe ich auf Schienen, in
Form einer liegenden Acht (7,5 Meter lang, 1,75 hoch) gesetzt, und der
Betrachter kann mittels Knopfdruck die Anlage in Betrieb setzen. Daraufhin
setzt sich die Lok in Bewegung und gleichzeitig wird aus einem Lautsprecher
über den Hintergründe informiert. Diese Installation wirkt auf den ersten
Blick wie eine harmlose Spielzeugeisenbahn, aber im Gegensatz dazu stehen
die detaillierten Informationen aus dem Lautsprecher.
Für mich ist das alles ein einziges Fragezeichen: Wie konnte das alles nur
so perfekt funktionieren und wer hat was gewusst oder gesehen oder sogar
mitgeholfen?
U.F. Ihre ersten Steine in Köln waren noch ausschließlich dem
Gedenken an ermordete Roma und Sinti gewidmet. Warum damals diese
Einschränkung?

Peterstraße - Alisa Fuhlbrügge von der jüdischen
Gemeinde spricht ein Gebet für die Familie Löwenstein, die hier wohnte.
G.D. Diese Steine waren der Anfang und die Einschränkung war eine
Folge der Quellenlage. Der ROM e.V., mit dem ich für die Leidensspur der
Roma und Sinti zusammenarbeitete, hatte schon gut recherchiert, die Daten
waren sofort verfügbar; wertvolle Hinweise gab mir die Historikerin Karola
Fings.
Das Konzept sollte jedoch von Anfang an, alle Opfergruppen umfassen: Roma
und Sinti, Juden, politische Opfer: Kommunisten und Sozialdemokraten,
verfolgte Christen, Euthanasieopfer und Zeugen Jehovas. Schließlich musste
ja jeder, der nicht ins Menschenbild der Nationalsozialisten passte oder
sich nicht einfügte, mit Repressalien, Gestapohaft, mit Folter, mit
materieller oder letztlich physischer Vernichtung rechnen.
U.F. Das war 1993. Haben Sie damals geglaubt, dass Sie die Idee eines
persönlichen Gedenkens der unzähligen Opfer des Nationalsozialismus jemals
verwirklichen können?
G.D. Anfangs war die Idee des Gedenkens der Opfer für mich ein
theoretisches Konzept – 6 Millionen STOLPERSTEINE für Europa zu realisieren
eher eine absurde Idee. Dann ist die Idee ist im selben Jahr bei Lindinger &
Schmid in dem Buch “GRÖßENWAHN – Kunstprojekte für Europa” publiziert
worden. Das Zusammentreffen war zufällig. Daraufhin habe ich aber schon mit
konkreten Überlegungen begonnen, das Ganze möglicherweise auch in die
Realität umzusetzen.
Es war dann der Pfarrer Kurt Pick von der Antoniter-Gemeinde in Köln, der
die Sache ins Rollen brachte: “Na ja, 6 Millionen Steine kannst Du nicht
schaffen; aber um ein Zeichen zu setzen, könntest Du ja klein anfangen”.
1994 ist aus dieser Bemerkung eine kleine Ausstellung in der Antoniterkirche
mit den ersten 250 STOLPERSTEINEN entstanden und später wurden diese Steine
auch verlegt.
U.F. Am Anfang stand die Idee des Gedenkens der Menschen, die aus
ihren Häusern abgeholt und ermordet wurden. Seit 2000 bis jetzt haben Sie
fast zweitausend STOLPERSTEINE in Deutschland verlegt.
Welche Überlegungen und Vorstellungen gingen der technischen Umsetzung
voraus?
G.D. Die bekannten zentralen Denkmäler können nur allgemein der Opfer
gedenken und sind zum Teil auch nur auf bestimmte Opfergruppen bezogen. Auf
dem STOLPERSTEIN bekommt das Opfer seinen Namen wieder, jedes Opfer erhält
einen eigenen Stein – seine Identität und sein Schicksal sind, soweit
bekannt, ablesbar. Durch die persönliche Erinnerung an den Menschen, vor dem
Haus, in dem er bis zur Deportation gewohnt hat, wird die Erinnerung ganz
konkret in unseren Alltag geholt. Wobei jeder persönliche Stein wiederum
auch die Gesamtheit der Opfer symbolisiert, denn alle eigentlich nötigen
Steine kann man nicht verlegen. In Köln müssten sonst ganze Strassenzüge mit
STOLPERSTEINEN gepflastert werden. Das Projekt kann letztlich nur Zeichen
setzen.
Meine Vorstellung war ja eigentlich, dass die Steine durch das Begehen immer
wieder so richtig blank poliert werden und damit die Erinnerung jedesmal neu
aufgefrischt wird. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass es nicht überall auch so
funktioniert: In kleineren Strassen treten die Leute nicht auf die
STOLPERSTEINE. Womöglich taucht dabei der Gedanke an einen kleinen Grabstein
auf, obwohl diese Assoziation nicht beabsichtigt war; andererseits ist
anzunehmen, dass es für die meisten Opfer keinerlei Grabsteine gibt.
Wenn der Stein also nicht oft begangen wird, beginnt das Metall zu oxydieren
und es bildet sich eine Schutzschicht; d.h. es wird erst bräunlich, dann
fast schwarz – allerdings bleibt die Schrift trotzdem gut lesbar. Die
Verfärbung wird von einigen Betrachtern irrtümlich als Verschmutzung
angesehen. – Zu dem Aspekt des ’Betreten’ eines STOLPERSTEINES habe ich
erfahren, dass es in der jüdischen Philosophie durchaus eine direkte
Verbindung zwischen Begehen und Lesen gibt; darüber schreibt Jacques Derrida
in einem Aufsatz über Edmund Jabès in: Die Schrift und die Differenz.
U.F. Wie setzen Sie Ihre Idee
technisch um und welche Arbeitsschritte gehören zur Herstellung der
STOLPERSTEINE?

Die Stolpersteine werden in ein Betonbett
verlegt.
G.D. Die Ausführung und das Verlegen der Steine war mir relativ
schnell klar. – Die Steine haben eine Grundfläche von 1o x 1o cm und sind 1o
cm hoch, d.h. sie sind später 1o cm tief in die Gehwege eingelassen.
Natürlich plano – das “Stolpern” soll ja nur symbolisch sein. Der Text wird
mit Schlagbuchstaben in 1mm starkes, halbhartes Messingblech eingeprägt und
ist damit nicht mehr zu korrigieren oder zu entfernen. Die Enden des
Blechstreifens werden nach hinten gefalzt und durch zwei Bohrungen wird
Baustahl zur Armierung eingesetzt. In einer Stahlform werden jeweils 4
Bleche mit Estrichbeton hinterfüllt, auf dem Rütteltisch hoch verdichtet und
sofort wieder ausgeformt. Nach einer Anfangshärtung erhalten die Steine ihre
maximale Festigkeit durch ein Wasserbad von der Dauer einer Woche.
Zum Verlegen wird der Straßenbelag vor Ort entfernt und ein ca. 5 cm dickes
Bett aus Estrichbeton eingebracht, die STOLPERSTEINE werden eingepasst und
mit Quarzsand und Portlandzement verfugt, eingeschlämmt und danach
gesäubert. Die Steine sind damit relativ sicher verlegt; gegen Vandalismus
ist allerdings nichts zu machen. Bei fälligen Bauarbeiten können die Steine
entfernt und hinterher an derselben Stelle wieder eingesetzt werden.
Inzwischen wurde mir sogar vom Amt für Straßen- und Verkehrstechnik von Köln
bescheinigt, dass ich das Verlegen fachmännisch ausführe.

Fertig - die Stolpersteine für die Löwensteins
glänzen in der Sonne.
U.F. Es ist ungewöhnlich, kleine
Gedenksteine auf dem Pflaster vorzufinden, zu unseren Füßen, und ihre
Entdeckung löst Irritation aus: Plötzlich fühlt man sich in eine andere,
vergangene Zeit versetzt, wird mit ihr konfrontiert. Obwohl die
STOLPERSTEINE bescheiden und relativ unauffällig im Pflaster liegen, wird
man an die Lebensschicksale der verfolgten und ermordeten Menschen in diesen |
|

Gunter Demnig
Häusern erinnert. Wir sind ja eher an
richtige Denkmäler und Gedenktafeln für bekannte Persönlichkeiten gewöhnt. –
Wie sind Sie auf die Idee gekommen, die Gedenksteine in den Straßenraum zu
verlegen?
G.D. Zunächst einmal durch die Überlegungen und inzwischen auch die
Erfahrung, dass viele Hausbesitzer solche Tafeln wahrscheinlich verhindern
würden. So ist es z.B. in Köln-Deutz vorgekommen, dass ein Hausbesitzer
behauptet hat, das jüdische Ehepaar Grünberg hätte nie in seinem Haus
gewohnt. Es stellte sich jedoch heraus: Sie haben doch dort gewohnt und das
Haus wurde arisiert. Wenn ich jedes Mal die persönliche Zustimmung des
Eigentümers einholen müsste, wäre das Projekt längst gestoppt worden und
kaum zu realisieren.
Der Trottoir dagegen ist öffentlicher Straßenraum; d.h. wenn eine Gemeinde
oder Stadt die Verlegung der STOLPERSTEINE einmal beschlossen und genehmigt
hat, lassen sich schwerlich noch Gründe für eine Ablehnung finden. Außerdem
blicken die meisten Menschen doch eher auf den Boden als an den Hauswänden
empor – dadurch geraten die Steine eher in den Blick der Vorübergehenden.
Hinzu kommt der Aspekt des Begehens und des Lesens – die Irritation des
Ungewohnten wird noch verstärkt.
U.F. Sie sprachen von der Gemeinde oder der Stadt, die das Verlegen
beschließen und genehmigen muss. Jedoch mit den ersten Steinen war das noch
nicht so einfach und die ersten Verlegungen in Berlin waren doch auch nicht
so ganz legal.
G.D. In Berlin wurde ich 1996 von der Neuen Gesellschaft für Bildende
Kunst (NGBK) in Kreuzberg eingeladen, zu einer Ausstellung mit dem Thema:
“Künstler forschen nach Auschwitz”. Ein irritierender Titel für eine
interessante Ausstellung. Neben der Arbeit, die sich mit der Rolle der
Reichsbahn befasste, schlug ich vor, 51 STOLPERSTEINE in der Oranienstraße
zu verlegen. Allerdings standen mir nur drei Monate für einen Antrag zur
Verfügung und in Köln lief diese Prozedur ja schon ein Jahr. Also die Zeit
war einfach zu knapp; ich habe sie dann illegal verlegt. Nachdem drei Steine
drei Monate von den Behörden unbeachtet blieben, waren sie bei Bauarbeiten
im Wege und sollten entfernt werden. Die Arbeiter weigerten sich mit dem
Hinweis, dass es ja ein Denkmal seien – so wurde das Tiefbauamt auf die
STOLPERSTEINE aufmerksam und mußte nun aktiv werden. Nach einer Ortsbegehung
wurden sie nachträglich legalisiert. Es blieb allerdings zunächst nur eine
Ausnahmegenehmigung.

14. August 2007: Gunter Demnig verlegt den...
U.F. Sie leben in Köln und 1995 begannen Sie in dieser Stadt das
STOLPERSTEINE-Projekt – inzwischen liegen 12oo Steine vor 25o Häusern.
Welche Schwierigkeiten gab es am Anfang und wie ging es danach weiter?
G.D. Die ersten Probeverlegungen waren in Köln, gleichzeitig lief ein
Antragsverfahren an die Stadt, das Verlegen in größerem Stil zu genehmigen.
Es hing an den oberen Etagen der Stadtverwaltung, dass es zunächst mit der
Genehmigung überhaupt nicht weiterging. Im Jahr 1997 ermunterte mich Dr.
Schäfke, der Direktor des Stadtmuseums, doch noch einmal einen neuen Anlauf
zur Realisierung des Projektes zu unternehmen. Daraufhin begann der Weg
durch die Instanzen: der Kunstbeirat, der Kulturausschuss, die
Bezirksvertretungen, das Tiefbauamt, das Amt für Straßen und
Verkehrstechnik, das Stadtplanungsamt, der Haushaltsausschuss und zu guter
letzt der Rat der Stadt. Mit einer Gegenstimme (im Rat war ein Republikaner)
wurde das Projekt genehmigt. Drei Jahre hat die ganze Prozedur gedauert. Im
April 2ooo war es dann soweit und die Arbeit konnte endlich beginnen.
Inzwischen ist die Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung sehr gut und auf
die STOLPERSTEINE wird sogar bei Stadtrundfahrten hingewiesen, für die
Volkshochschule mache ich regelmäßig DIA-Vorträge über die Idee und die
Entwicklung der Arbeit. Auch von den Kölner Bürgern ist das Projekt gut
angenommen worden und jede Woche kommen neue Anfragen für weitere Steine.
Die Menschen sind plötzlich interessiert – was war hier in meinem Haus oder
in meiner Straße, wer weiß noch etwas davon?
U.F. Erst im Jahr 2000 konnten Sie auch in Berlin weitere Steine
verlegen. Eine Bürgerinitiative und Mr. Robins aus Südafrika übernahmen 2000
die ersten Patenschaften. Wie ging es danach weiter?

Der Stolperstein wird eingepasst.
G.D. Ja, eine Bürgerinitiative gegen Fremdenfeindlichkeit beantragte
Patenschaften für die Dresdner Straße und kurz danach kam die Anfrage von
Mr. Robins aus Südafrika. Mr. Robins, ein Angehöriger der Robinskys,
jüdischen Opfern, die in der Naunynstrasse gewohnt hatten und in Auschwitz
umkamen, fragte beim KreuzbergMuseum an, ob es möglich sei, auch für seine
Tante und seinen Onkel STOLPERSTEINE zu verlegen. Daraufhin hat sich die
Bezirksvertreterversammlung intensiver mit dem Projekt befasst. Sie
beschloss, es in ganz Kreuzberg zu initiieren und möglichst viele
STOLPERSTEINE zu verlegen. Durch die Fusion der Bezirke kam dann
Friedrichshain dazu und in Berlin-Mitte hat die Gedenktafelkommission die
Idee übernommen. In beiden Bezirken liegen bis jetzt ca. 3oo Steine und
zahlreiche weitere sind geplant.
Inzwischen haben auch in anderen Berliner Bezirken Vorarbeiten begonnen; in
Friedenau hat sich eine private Initiative gebildet, die in ihrem näheren
Umkreis STOLPERSTEINE plant und von einem früheren Bewohner Neuköllns kam
die Anfrage, ob auch dort das Verlegen möglich sei und über Dänemark kam der
Auftrag für zwei Steine in Lichtenberg. Das bedeutet allerdings auch, dass
immer wieder neue Genehmigungsverfahren beantragt werden müssen – für jeden
Berliner Bezirk eine eigene.
U.F. Woher erhalten Sie die Informationen, die sich auf den
STOLPERSTEINEN wiederfinden und wer hilft Ihnen bei den Recherchen?
G.D. Es sind verschiedene Vereine und Organisationen, die mir bei den
Recherchen der historischen Daten helfen. In Köln ist es hauptsächlich das
EL-DE-Haus, der ROM e.V., der VVN und der SchwulenGeschichts-verein. In
Berlin kann ich auf das Gedenk-buch zurückgreifen, auch die Heimatmuseen
helfen mit Informationen weiter. In Bonn ist es der Verein an der Synagoge
und das Stadtarchiv. Wenn ich Informationen zu jüdischen Bürgern benötige,
frage ich bei der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem nach. Von dort
bekomme ich auch viel inhaltliche Unterstützung.
Die Quellenlage ist jedoch noch sehr unterschiedlich: Es gibt Gemeinden, wie
z.B. im Bergischen Land oder in der Pfalz in denen die Aufarbeitung der
Geschichte noch am Anfang steht.
U.F. Mit viel Ausdauer und eigenem Engagement haben Sie das Projekt
in Köln und Berlin begonnen. Heute, im Jahr 2002, gibt es zweitausend
STOLPERSTEINE in ganz Deutschland. Ständig kommen neue Orte und Gemeinden
hinzu: In der näheren Umgebung von Köln sind es die Gemeinden Erkelenz,
Wermelskirchen, Euskirchen und Brühl. In Städten wie Bonn, Hamburg und
Freiburg gibt es Paten und es kommen immer weitere Anfragen hinzu; ganz
aktuell aus Essen und Duisburg. Wie schaffen Sie das alles und erhalten Sie
Unterstützung vor Ort?
G.D. Meine Erfahrung ist: Je mehr Steine verlegt sind, desto mehr
Anfragen erreichen mich. In Köln kann man das beobachten, ebenso in Berlin
und ganz Deutschland.
Inzwischen erfahre ich viel Unterstützung und Interesse. Es sind immer mehr
engagierte Bürger, die sich schriftlich oder telefonisch an mich wenden und
nachfragen, ob und wie so ein Projekt auch für ihre Stadt realisierbar sei.
Dafür gebe ich Ihnen Informationen über die notwendigen Schritte bei den
Behörden sowie für die Recherchearbeit.
Gemeinsam versuchen wir in den Orten Vereine oder Institutionen zu finden,
die beim organisatorischen Teil der Arbeiten helfen können, die z.B. die
Recherchen oder die Abrechnung von Patenschaften übernehmen. Manche Bürger
bieten da sehr engagierte Unterstützung an: So können sich Interessierte in
Bonn an den “Verein an der Synagoge” wenden, in Hamburg an Peter Hess, der
sich privat sehr einsetzt für die STOLPERSTEINE, auch für Freiburg gibt es
inzwischen eine Ansprechpartnerin: Frau Marlis Meckel und für Breisach: Frau
Dr. Walesch-Schneller. In diese Städte wurde ich eingeladen von Menschen,
die sich für die Realisierung der STOLPERSTEINE einsetzen. Gerade in den
letztgenannten Städten gibt es soviel Unterstützung und persönliches
Engagement – das wirkt schon als Bestätigung und Ermutigung für meine
Arbeit. Ebenso erschien am 23. April im Hamburger Abendblatt ein Artikel
über die STOLPERSTEINE und seitdem steht mein Telefon nicht mehr still,
Menschen erzählen mir ihre Lebensschicksale und innerhalb einer Woche wurden
zahlreiche Patenschaften übernommen.

Ansprache von Bürgermeisterin Dr. Brigitte
Fronzek
U.F. Durch die Medien, wie Presse, Rundfunk und Fernsehen erfahren
die STOLPERSTEINE zunehmende Öffentlichkeit. Es erschienen bis jetzt
zahlreiche Artikel - die Tageszeitungen von Köln und Berlin berichten schon
fast regelmäßig über neue Entwicklungen des Projektes und überregional gibt
es Berichte in der Süddeutschen Zeitung, der Frankfurter Rundschau und in
der FAZ. Im Hessischen Rundfunk und dem WDR-Hörfunk wurden Interviews mit
Ihnen gesendet; die BBC drehte einen Dokumentarfilm und der WDR ebenfalls.
Erhalten Sie darauf Reaktionen?
G.D. Manchmal gibt es ganz spontane Reaktionen. Direkt nach dem
Interview im Hessischen Rundfunk erhielt ich einen Anruf aus Wiesbaden, ich
wurde gefragt, wie das Projekt organisiert ist und wie man sich beteiligen
kann. Zu meiner Freude kann ich sagen, dass in der Bevölkerung ein großes
Interesse und große Zustimmung zu erkennen ist und ebenso der Wunsch von
vielen Bürgern, sich zu beteiligen.
U.F. Der WDR sendete im Schulfunk-Programm einen Film über die
tragische Geschichte eines Kölner jüdischen Jungen, an den auch mit einem
Stein erinnert wird. – Sie halten auch Vorträge in Schulen und in
verschiedenen Städten organisierten Lehrer gemeinsame Schülerprojekte mit
Ihnen.
Wie reagieren Kinder und Jugendliche auf diese Thematik, welche Erfahrungen
machen Sie während der Arbeit mit Ihnen?
G.D. Ich habe schon etliche Vorträge an Schulen zur Idee der
STOLPERSTEINE gehalten und auch gemeinsam mit Schülern Steine verlegt. Die
schönste Erfahrung dabei ist für mich das Interesse und die Offenheit von
Jugendlichen bezüglich der Thematik des Nationalsozialismus sowie deren
Engagement für die Realisierung der STOLERSTEINE.
Eine Schülergruppe der Werner-Heisenberg-Schule in Leverkusen hat das
Projekt für ihre Stadt übernommen und sowohl die Forschungen in den Archiven
als auch die Organisation der Genehmigungsverfahren mit der Stadtverwaltung
durchgeführt. In Köln haben Schüler die Lebensläufe und Schicksale der
Verfolgten für die später gemeinsam verlegten Steine erforscht; Schüler des
Humboldt-Gymnasium in Köln haben für 33 Steine Patenschaften organisiert.
In Berlin sind in Schulen unterschiedliche Projekte zu den Steinen
realisiert worden; so hat zum Beispiel eine Schülergruppe der
Carl-von-Ossietzky-Oberschule zur Erforschung der Einzelschicksale
zusätzlich die Arisierungsunterlagen in der Oberfinanzdirektion eingesehen
und analysiert. Schüler der Oberschule am Köllnischen Park und des
Max-Planck-Gymnasiums erforschten in enger Zusammenarbeit mit dem
Bürgerverein Luisenstadt die Lebensschicksale von Deportierten und
Ermordeten und organisierten Patenschaften für zahlreiche STOLPERSTEINE.
Im April realisierte ich in Duisburg gemeinsam mit Schülerinnen des
Sophie-Scholl-Berufskollegs und Jugendlichen der Jüdischen Gemeinden
Duisburg, Mülheim und Oberhausen ein 3,2o x 2 Meter großes Bodenmosaik. Der
Stadtplan Duisburgs ist stilisiert dargestellt und die ehemaligen Wohnorte
jüdischer Bürger sind markiert. Es gibt z.Zt. Überlegungen mit der Stadt,
das Mosaik auf dem neu zu gestaltenden Bahnhofsvorplatz zu installieren.
Immer wieder sind die Jugendlichen mit großem Interesse dabei und nehmen
persönlichen Anteil an den Lebensschicksalen. Dadurch können sie die
vergangene Geschichte gut nachvollziehen und ich denke, dass
Geschichtswissen so sehr anschaulich und konkret vermittelt wird – es
schärft auch den Blick für die Gegenwart, mit der in ganz Europa wieder
wachsenden Tendenz zu Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit.

Peterstraße - die Steine für Karl, John und
Selma Levi geb. Löwenstein werden verlegt.
U.F. Das Verlegen der STOLPERSTEINE bringt Sie in Kontakt mit Bürgern
auf der Straße. Welche Reaktionen erleben Sie?
G.D. Man spürt schon regional unterschiedliche Temperamente – so sind
die Kölner aufgeschlossener als die Berliner, obwohl die auch sehr neugierig
sind. In einer Kleinstadt fällt die Aktion stärker auf als z.B. in Köln auf
der Domplatte, wo viele Touristen unterwegs sind, die natürlich nach oben
zum Dom schauen und nicht auf STOLPERSTEINE. Auch in der eigenen
Wohnumgebung bleiben die Leute eher stehen und fragen nach. Manchmal treffe
ich auch Zeitzeugen, die mir noch Einzelheiten zu den Einzelschicksalen
berichten können. Manche erzählen mir auch, wie Menschen abgeholt wurden
oder verschwunden sind; viele haben dabei zugesehen und davon gewusst.
Es ist schon ganz unterschiedlich – manchmal bleibe ich allein, aber oftmals
beginnen sehr interessante Gespräche innerhalb des Publikums. Durchaus
kontroverse Diskussionen werden geführt: Als zum Beispiel ein Passant
meinte, dass ja die Angehörigen der Opfer heute die Millionen abkassieren
würden, gab es ein spontanes und heftiges Streitgespräch. Und wie zu
erwarten, werden auch schon mal die Opfer der alliierten Luftangriffe auf
Deutschland mit den Opfern des Holocaust aufgerechnet – jedoch sind das die
Ausnahmen. Insgesamt kann ich sagen, dass ich auf große Zustimmung treffe
bis hin zu Passanten, die direkt vor Ort eine Patenschaft übernehmen wollen.
U.F. Es stellt sich die Frage der Finanzierung des Projektes. Die
Städte und Gemeinden akzeptieren die STOLPERSTEINE als Geschenk – Sie machen
Recherchen, die Herstellung und das Verlegen der Steine. Wie wird das alles
finanziert?

Zuletzt werden die Stolpersteine blankpoliert.
G.D. Da von vornherein klar war, dass die notorisch finanziell klammen
Städte für so ein Projekt kein Geld haben werden, waren private Geldgeber
gefragt; d.h. eine Privatperson, ein Verein, eine Partei, eine Organisation,
etc. Sie können Patenschaften für einen ganz speziellen Stein oder auch
mehrere übernehmen. Der Preis für einen STOLPERSTEIN liegt bei 95 EURO
(abhängig von besonderen Verlegekosten).
U.F. Bis jetzt hörte sich alles sehr positiv an. Nur kurz erwähnten Sie
die ablehnende Reaktion eines Hauseigentümers, der nicht an die Arisierung
erinnert werden wollte. Gab es sonst noch irgendwelche Bedenken oder auch
schon mal Ablehnung in manchen Orten?
G.D. Ein Hausbewohner eines Einfamilienhauses in Köln-Bickendorf hat
mich gebeten, auf das Verlegen zu verzichten, da sich im Nachbarhaus
regelmäßig rechtsextreme Gruppen treffen würden und er hatte Angst vor deren
Reaktionen. Der Stein liegt erst mal nicht – schlimm genug, dass jemand
Angst haben muss. Auch der Name auf der Erde hat speziell den Roma und Sinti
Probleme bereitet, obwohl fast alle katholisch sind und man in den Kirchen
über richtige Grabplatten läuft. Ablehnung erfuhr ich zum Beispiel von der
Stadt Leipzig: Sie wollen das Projekt nicht übernehmen, u.a. mit der
Begründung, dass die STOLPERSTEINE formal und inhaltlich Ähnlichkeit hätten
mit dem Hollywood Boulevard in L.A. Auch in Kassel gab es Probleme – dort
hat man die symbolische Auswahl einzelner Häuser verglichen mit der
Selektion an der Rampe in Auschwitz. .
U.F. Gab es auch schon mal Vandalismus an fertig verlegten Steinen?
G.D. Ja, es gibt auch Zerstörung und Vandalismus – in der Kölner
Südstadt ist ein Stein zerschlagen worden, im Kölner Norden sind an zwei
Stellen Steine aus dem Trottoir entfernt worden. Im ersten Fall hat der
Besitzer den Stein als Affront gegen sein Haus empfunden und für sich die
Gnade der späten Geburt reklamiert ; in den anderen Fällen sind technische
Gründe vorgeschoben worden. Vor der Kölner Universität wurde mutwillig
versucht, das Messingblech abzumontieren und dabei stark beschädigt.
An allen Stellen liegen aber neue STOLPERSTEINE; zum Teil auch nach
Gesprächen mit den Hausbesitzern. Im Verhältnis zur Gesamtzahl von 2ooo
Steinen |